Interrupts (PI4): Unterschied zwischen den Versionen

Aus C und Assembler mit Raspberry
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Interrupts sind Signale, die den normalen Ablauf eines Prozessors unterbrechen, um spezielle Routineabläufe auszuführen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Steuerung und Kommunikation in Echtzeitsystemen und bei der Handhabung von Hardware-Ereignissen.
<span style="background:#FF0000; color:#FFFFFF;"> Wichtig! Durch die Entwicklung zur USB-Unterstützung wurde einige Funktionen, die wir bisher genutzt haben, überarbeitet. Diese "neuen" Funktionen sind ab hier eingebaut. Darunter zählt zum Beispiel die printf-Funktion, die hier komplett überarbeitet ist. Zusätzlich wurden einige Screen-Funktionen überarbeitet. </span>


== Definition von Interrupts ==
== Interrupts und Exceptions auf dem Raspberry Pi 4 (Bare Metal) ==


Ein Interrupt ist ein Signal, das den CPU dazu veranlasst, den aktuell ausgeführten Befehlssatz zu unterbrechen und eine Interrupt Service Routine (ISR) oder Interrupt-Handler auszuführen.
Interrupts (Unterbrechungen) und Exceptions (Ausnahmen) sind das Nervensystem jedes Betriebssystems.
Sie sorgen dafür, dass der Prozessor nicht blind Code abarbeitet, sondern auf Ereignisse reagieren kann – sei es,
dass ein Timer abläuft, eine Taste gedrückt wird oder ein schwerwiegender Programmierfehler auftritt.


== Auslöser für Interrupts ==
In diesem Kapitel lernst du, wie die Ausnahmebehandlung im ARMv8 (AArch64) funktioniert,
wie wir die Vektortabelle einrichten und wie wir mit einem einfachen "Blindtest" sicherstellen,
dass unser System bereit für echte Hardware-Interrupts ist.


Interrupts können durch verschiedene Ereignisse ausgelöst werden:
== Exceptions vs. Interrupts: Was ist der Unterschied? ==


=== Externe Hardware-Ereignisse ===
Obwohl die Begriffe oft synonym verwendet werden, gibt es einen feinen, aber wichtigen Unterschied:
* Exceptions (Synchron): Treten '''direkt''' durch die Ausführung eines Befehls auf. Beispiele: Ein ungültiger Speicherzugriff, eine Division durch Null oder ein bewusster Systemaufruf (wie `svc #0`). Der Prozessor weiß '''genau''', welcher Befehl die Ausnahme ausgelöst hat.
* Interrupts (Asynchron): Treten '''unabhängig''' vom aktuellen Befehl auf, ausgelöst durch externe Hardware. Beispiele: Der System-Timer, eine USB-Maus oder ein GPIO-Pin.


* Tastatureingaben, wie das Drücken einer Taste..
''Tipp für die OS-Entwicklung'': Synchronous Exceptions (wie unsere `SynchError`-Handler) sind deine besten Freunde beim Debuggen! Wenn dein Code versehentlich in einen `SynchError`-Handler springt, weißt du sofort: Hier ist ein schwerer Fehler (z. B. Sprung an eine ungültige Adresse oder falscher Befehl). Wir werden das gleich gezielt ausnutzen.
* Mausbewegungen: Wenn die Maus bewegt wird oder eine Taste gedrückt wird.
* Timer: Timer können so konfiguriert werden, dass sie periodische Interrupts auslösen.


=== Interne Hardware-Ereignisse ===
== Die Spielregeln: Exception Levels (EL) und DAIF ==


* Peripheriegeräte: Ereignisse von Geräten wie Netzwerkadaptern, Festplatten, usw.
Der ARM Cortex-A72 kennt verschiedene Privilegienstufen, die '''Exception Levels (EL)''':
* Signale von Sensoren: Daten von Temperatursensoren, Beschleunigungssensoren, usw.
* '''EL0:''' User-Mode (Anwendungen, wenig Rechte)
* '''EL1:''' Kernel-Mode (Unser Bare-Metal-Code, volle Hardware-Kontrolle)
* '''EL2:''' Hypervisor (Virtualisierung, wird vom Bootloader kurz genutzt)
* '''EL3:''' Secure Monitor (Highest Privilege, z. B. ARM Trusted Firmware)


=== Betriebssystem-Ereignisse ===
'''Wichtig:''' Um Interrupts korrekt zu verarbeiten, müssen wir uns in '''EL1''' befinden. Da der Raspberry Pi 4 oft in EL2 startet, ist unser erster Schritt der Wechsel nach EL1.


* Systemaufrufe: Bestimmte Anfragen von Software an das Betriebssystem.
Zudem kontrolliert das '''DAIF'''-Register, welche Interrupts gerade erlaubt sind:
* Fehlermeldungen: Wenn Fehler wie Division durch Null oder Speicherzugriffsfehler auftreten.
* '''D''' (Debug): Debug-Exceptions sperren
* '''A''' (SError): Asynchrone Systemfehler sperren
* '''I''' (IRQ): Normale Interrupts sperren
* '''F''' (FIQ): Schnelle Interrupts (Fast IRQs) sperren


== Typen von Interrupts ==
Ist ein Bit auf `1` gesetzt, ist der Interrupt '''gesperrt'''. Um IRQs zu erlauben, müssen wir das I-Bit auf `0` setzen (clear).


Interrupts können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden::
== Vorbereitung: Nur ein Kern darf laufen ==


* Maskierbare Interrupts: Diese können vom CPU vorübergehend ignoriert oder maskiert werden.
Der Pi 4 hat 4 Kerne. Beim Start führen alle denselben Code aus. Würden alle versuchen, Interrupts zu bearbeiten oder den Stack zu nutzen, würde das System sofort abstürzen. Wir lassen nur '''Core 0''' arbeiten und schicken die anderen in einen energiesparenden Schlafmodus (`WFE` = Wait For Event).
* Nicht maskierbare Interrupts (NMI): Diese können nicht ignoriert werden und haben höchste Priorität.


== Betriebsmodi und Interrupts ==
Der ARM-Cortex-A72-Prozessor, der im Raspberry Pi 4 verwendet wird, unterstützt verschiedene Ebenen und Modi, die sich auf das Verhalten von Interrupts auswirken können:
=== Interrupt Enable Stufe (EL1 und niedrigere Ebenen) ===
Der Prozessor muss sich in einem Modus befinden, in dem Interrupts erlaubt sind (EL1 oder niedriger). Dies bedeutet, dass die globalen Interrupts nicht deaktiviert sein dürfen. Dies wird durch das Setzen bestimmter Bits im Program Status Register (PSTATE) kontrolliert.
=== DAIF-Flags (erlauben Interrupts) ===
{| class="wikitable"
| D || Debug-Exceptions
|-
| A || SError-Interrupts
|-
| I || IRQ-Interrupts
|-
| F || FIQ-Interrupts
|}
Diese Flags können im DAIF-Register eingestellt werden. Um IRQ-Interrupts zu ermöglich, sollte das I-Flag gelöscht werden.
== Wichtige Befehle und Register ==
Hier ein Überblick über die relevanten Register und Befehle:
Programmstatusregister (PSTATE): Kontrolliert u.a. die globalen Interrupts.
=== Beispiel (ARM-Assembly) zur Aktivierung von Interrupts ===
Folgender Code zeigt, wie man die IRQ-Interrupts explizit zulässt:
<syntaxhighlight lang="asm">
<syntaxhighlight lang="asm">
.global enable_interrupts
// In boot.S
 
_start:
enable_interrupts:
     mrs x1, mpidr_el1    // Core-ID lesen
     mrs x0, DAIF          // DAIF Register lesen
     and x1, x1, #3      // Nur die unteren 2 Bits (0-3) behalten
     bic x0, x0, #(1<<7)    // IRQ-Freigabe (Setze I-Flag auf 0)
     cbz x1, core0        // Wenn Core 0, weiter zum Setup
     msr DAIF, x0          // DAIF Register zurückschreiben
    ret
</syntaxhighlight>
 
== Interrupts mit dem Raspberry 4 im 64-Bit-Modus ==
Wie bereits zuvor beschrieben, muss der Raspberry Pi 4 in einen bestimmten Level sein.


Wenn kein spezieller Berechtigungslevel im Bare-Metal-Kernel angegeben wurde und der Raspberry Pi 4 direkt nach dem Einschalten startet, hängt der anfängliche Berechtigungslevel davon ab, in welchem Modus der Prozessor von der Firmware initialisiert wurde.
core_sleep:
    wfe                  // Warte auf ein Event (Sleep)
    b core_sleep        // Endlosschleife für Core 1-3


''Beim Raspberry Pi ist der typische Ablauf wie folgt'':
Der Bootloader (z. B. der von der GPU initialisierte Bootcode) lädt die Firmware und deinen Kernel.
Nach der Initialisierung durch die Firmware (häufig start.elf), wird die CPU bei vielen Bare-Metal-Installationen in EL2 (Hypervisor Mode) gestartet, wenn kein spezieller Wechsel zu einem bestimmten Berechtigungslevel vorgegeben wird.
Damit für uns alles gut funktioniert, müssen wir in den Level 1. Zuvor müssen wir uns noch um die verschiedenen CPUs kümmern. Zur Zeit Laufen alle vier Kerne des ARM-Prozessors parallel.
== Umsetzung auf den Raspberry Pi 4 (64-Bit) ==
Bisher haben wir in unserem Boot-Code nicht viel geschrieben gehabt. Das einzige war, dass wir unsere Kernel-Stackpointer gesetzt haben und anschließend direkt in unseren Code gegangen sind.
Nun hat der Raspberry Pi 4 allerdings 4 Kerne, die unabhängig voneinander Programme ablaufen lassen können. Bei Interrupts, könnte das uns Probleme bereiten, wenn ein bestimmter Kern, den wir eigentlich nicht verwenden, eine Ausnahme verursacht. Dies könnte zu einem chaotischen Zustand des Raspberry Pi führen. Damit dies nicht passiert, werden wir unseren Code nur noch auf der Haupt-CPU ausführen und die übrigen CPUs schlafen legen:
<syntaxhighlight lang="asm">
.section .init
.global _start
_start:
  mrs x1, mpidr_el1  //Lies den Inhalt des Systemregisters MPIDR_EL1 (Multiprocessor Affinity Register) und speichere ihn in Register x1.
  and x1, x1, #3
  cbz x1, core0
core_sleep: // Core 1-3 schlafen legen
  wfe
  b core_sleep:
core0:
core0:
    // Ab hier läuft nur noch Core 0
</syntaxhighlight>
</syntaxhighlight>
Mit "mrs" lesen wir das Systemregister MPIDR_EL1 aus. Dies beinhaltet die Kennung des CPUs. Diese ID steht in den unteren 2 Bits und kann durch "and #3" herausextrahiert werden.
Mit "cbz" Sprung, wenn "NULL" wird die CPU0 verwendet, die hier an Label "core0:" weiterspring. Alle anderen CPUs werden mit "wfe" schlafen gelegt und oder in die Dauerschleife "b core_sleep" versetzt.


Als nächstes prüfen wir das Level, um sicherzustellen, dass wir nicht schon bereits in EL1 sind.
== Der Wechsel von EL2 nach EL1 ==
<syntaxhighlight lang="asm">
  mrs x0, CurrentEL  //Überprüfen, ob bereits in EL1
  cmp x0, #4
  beq switch_to_el1
</syntaxhighlight>
Auch hierfür gibt es ein Systemregister, in dem der Momentane Level steht. Mit "mrs" und "CurrentEL" können wir dieses Register lesen. Wenn hier der Wert 4 steht, sind wir bereits in EL1 und überspringen das Umschalten in Level1.
=== Wechsel von EL2 nach EL1 ===
<syntaxhighlight lang="asm">
//Wechsel von EL2 nach EL1
  ldr x0, =EXCEPTION_STACK
  msr sp_el1, x0


  ldr x0, =VectorTable
Da wir ein Kernel schreiben, gehört unser Platz in EL1. Der folgende Code konfiguriert EL1, setzt den Stackpointer und bereitet den Rücksprung vor.
  msr vbar_el2, x0


  mrs x0, cnthctl_el2
<syntaxhighlight lang="asm">
  orr x0, x0, #0x3
    // 1. Prüfen, ob wir schon in EL1 sind (CurrentEL = 8 für EL1)
  msr cnthctl_el2, x0
    mrs x0, CurrentEL
  msr cntvoff_el2, xzr
    cmp x0, #8
    beq switch_to_el1


  mrs x0, midr_el1
    // 2. EL1 Stackpointer setzen
  mrs x1, mpidr_el1
    ldr x0, =EXCEPTION_STACK
  msr vpidr_el2, x0
    msr sp_el1, x0
  msr vmpidr_el2, x1


  mov x0, #0x33ff
    // 3. Vektortabelle für EL2 setzen (für den Fall, dass während des Wechsels was passiert)
  msr cptr_el2, x0
    ldr x0, =VectorTable
  msr hstr_el2, xzr
    msr vbar_el2, x0


  mov x0, #3 << 20
    // ... (Hier folgen Timer- und Virtualisierungs-Einstellungen, siehe boot.S) ...
  msr cpacr_el1, x0


  mov x0, #(1 << 31)
    // 4. Rücksprung-Adresse und Status für EL1 vorbereiten
  msr hcr_el2, x0
    mov x0, #0x3c4            // SPSR_EL2: EL1h, Interrupts (DAIF) sind hier noch maskiert
    msr spsr_el2, x0
    adr x0, el1_return        // Adresse, zu der wir nach dem Wechsel springen
    msr elr_el2, x0


  mov x0, #0x0800
    eret                      // Exception Return: Wechselt nach EL1 zu 'el1_return'
  movk x0, #0x30d0, lsl #16
  msr sctlr_el1, x0


  mov x0, #0x3c4
  msr spsr_el2, x0
  adr x0, el1_return
  msr elr_el2, x0
  eret
</syntaxhighlight>
* ldr x0, =EXCEPTION_STACK: Die Adresse des Exception-Stacks wird geladen.
* msr sp_el1, x0: Der Stack des EL1 (sp_el1) wird gesetzt.
Dann folgen verschiedene Register-Konfigurationen, welche die Timer-Funktionalität sowie die virtuelle CPU-Profilierung einrichten:
* msr cnthctl_el2, x0 und msr cntvoff_el2, xzr: Timer-Konfiguration.
* msr vpidr_el2, x0 und msr vmpidr_el2, x1: Virtualisierungs-Konfiguration.
Weitere Einstellungen betreffen die Steuerregister und die HCR_EL2-Konfiguration:
* msr cptr_el2, x0, msr hstr_el2, xzr: Steuerregister.
* msr hcr_el2, x0: Hypervisor Configuration Register (HCR_EL2) wird konfiguriert.
Schließlich wird der Systemsteuer-Register SCTLR_EL1 initialisiert und das SPSR_EL2 gesetzt:
* msr sctlr_el1, x0: Einstellung des System Control Register im EL1.
* msr spsr_el2, x0: Setzen des Saved Program Status Register, damit eret weiß, wohin er springen muss.
Mit eret erfolgt der eigentliche Wechsel auf Exception Level 1:
* eret: Return from exception und Wechsel auf EL1.
=== Initialisierung im EL1 ===
<syntaxhighlight lang="asm">
el1_return:
el1_return:
switch_to_el1:
switch_to_el1:
  ldr x1, =_start
    // Wir sind jetzt in EL1!
  mov sp, x1          // Stack setzen
    ldr x0, =VectorTable
    msr vbar_el1, x0          // Vektortabelle für EL1 aktivieren


  ldr x0, =VectorTable
    // BSS-Segment (uninitialisierte Variablen) mit Nullen füllen
  msr vbar_el1, x0    // VectorTabelle setzen für Exceptions
    ldr x1, =__bss_start
 
    ldr w2, =__bss_size
  // BSS section reinigen
clean_bss_loop:
  ldr x1, =__bss_start
    cbz w2, bss_clean_done
  ldr w2, =__bss_size
    str xzr, [x1], #8
clean_bss_loop:  
    sub w2, w2, #1
  cbz w2, bss_clean_done   // Quit loop if zero
    cbnz w2, clean_bss_loop
  str xzr, [x1], #8
bss_clean_done:
  sub w2, w2, #1
  cbnz w2, clean_bss_loop   // Loop if non-zero


bss_clean_done:
    b main                    // Ab ins C-Hauptprogramm!
  // Springe in unser Hauptprogramm
  b main
</syntaxhighlight>
</syntaxhighlight>


* ldr x1,=_start: Lade die Startadresse.
== Die Exception Vector Table (VBT) ==
* mov sp,x1: Setzen des Stack-Pointers an die Startadresse.
 
Reinigung der BSS-Sektion (__bss_start bis __bss_size) um sicherzustellen, dass alle uninitialisierten Daten null sind.
 
=== Warum wird der Wechsel durchgeführt? ===
 
Der Wechsel von EL2 zu EL1 wird durchgeführt, um vom Hypervisor-Modus in den normalen Betriebsmodus des Systems zu wechseln. EL2 ist für Virtualisierung und Hypervisor-Funktionen reserviert, während EL1 für das OS oder Bare-Metal-Anwendungen wie hier vorgesehen ist. EL1 bietet die notwendige Kontrolle und Privilegien für die Initialisierung und den Betrieb des Systems. Der Hypervisor (EL2) wird meist nur zu Beginn für Konfigurationen benötigt oder bei niedriger privilegierten OS-Schichten.
 
= Vektortabelle =
 
Wie im Code zuvor ersichtlich, wird dem Prozessor ein Zeiger auf eine Vektortabelle übergeben. Diese benötigt der Prozessor, um zu sehen, was er machen soll, wenn bestimmte Ausnahmen (Exceptions), wie bereits beschrieben, bei der Ausführung entstehen.
 
== Struktur einer Vektortabelle ==
 
Die ARMv8-Architektur, die im Raspberry Pi 4 verwendet wird, verfügt über eine spezielle Vektortabelle für verschiedene Arten von Ausnahmen.
Die Vektortabelle ist eine wie folgt strukturierte Liste von Adressen, welche die Einstiegspunkte für unterschiedliche Ausnahmearten (Exceptions) definiert. Der Prozessor springt basierend auf der Art der Ausnahme an die relevante Adresse innerhalb der Tabelle.
 
* Synchronous Exception - Lower Level
* IRQ (Normal Interrupt) - Lower Level
* FIQ (Fast Interrupt) - Lower Level
* SError (System Error) - Lower Level
* Synchronous Exception - Current Level
* IRQ (Normal Interrupt) - Current Level
* FIQ (Fast Interrupt) - Current Level
* SError (System Error) - Current Level


Zusätzlich muss man beachten, dass der Prozessor theoretisch im AArch64 und im AArch32 Modus befinden kann.
Die VBT ist das "Telefonbuch" des Prozessors. Bei einer Ausnahme schaut die CPU in dieses Register (`vbar_el1`) und springt zu der dort hinterlegten Adresse.  
''Hinweis: Zu beachten ist, dass AArch32-Handler nur verwendet werden können, wenn der Prozessor für den Kompatibilitätsmodus eingerichtet wurde. Andernfalls sollten alle Handler AArch64-kompatibel implementiert werden.''


== Beispiel einer Vektortabelle ==
Die Tabelle muss exakt '''2048 Byte (2 KB)''' groß sein (''.align 11''). Sie ist in 16 Einträge unterteilt (4 Ausnahmetypen × 4 Ausführungsstatus). Jeder Eintrag muss exakt '''128 Byte''' (''.align 7'') voneinander entfernt sein.


Hier ist ein Beispiel, wie eine Vektortabelle für EL1 aussehen könnte:
<syntaxhighlight lang="asm">
<syntaxhighlight lang="asm">
.align 11
// In vector.S
.globl VectorTable
.align 11                     // 2^11 = 2048 Byte Ausrichtung für die ganze Tabelle
.globl VectorTable
VectorTable:
VectorTable:
// Vektoren für EL1t (Current Exception Level SP_el0)
     // 1. Aktuelles EL, Stackpointer ist SP_EL0 (User-Mode, nutzen wir nicht)
    .align 7
     .align 7
    b sync_exception_el1t     // Synchronous Exception
     b SynchError1
    .align 7
     .align 7
    b irq_handler_el1t        // IRQ - Normal Interrupt
     b GenericIRQHandler
    .align 7
     .align 7
    b fiq_handler_el1t        // FIQ - Fast Interrupt
     b FastInterruptHandler
    .align 7
     .align 7
    b serror_handler_el1t    // SError - System Error
     b SErrorStub1
// Vektoren für EL1h (Current Exception Level SP_el1)
    .align 7
    b sync_exception_el1h    // Synchronous Exception
    .align 7
    b irq_handler_el1h        // IRQ - Normal Interrupt
    .align 7
    b fiq_handler_el1h        // FIQ - Fast Interrupt
    .align 7
    b serror_handler_el1h    // SError - System Error
// Vektoren für EL0 64-bit Modus
    .align 7
    b sync_invalid_el0_64    // Synchronous EL0 (64-bit)
    .align 7
    b irq_invalid_el0_64      // IRQ EL0 (64-bit)
    .align 7
    b fiq_invalid_el0_64      // FIQ EL0 (64-bit)
    .align 7
    b error_invalid_el0_64    // Error EL0 (64-bit)
// Vektoren für EL0 32-bit Modus
     .align 7
     b sync_invalid_el0_32    // Synchronous EL0 (32-bit)
     .align 7
     b irq_invalid_el0_32      // IRQ EL0 (32-bit)
     .align 7
     b fiq_invalid_el0_32      // FIQ EL0 (32-bit)
     .align 7
     b error_invalid_el0_32    // Error EL0 (32-bit)
</syntaxhighlight>
Erläuterungen zu den Einträgen:
* sync_invalid_*: Diese Handler werden für synchrone Ausnahmen verwendet, wie z.B. system calls oder undefinierte Instruktionen.
* irq_invalid_*: Diese Handler werden für normale Interrupt-Anfragen verwendet.
* fiq_invalid_*: Diese Handler werden für schnelle Interrupt-Anfragen verwendet.
* error_invalid_*: Diese Handler werden für Systemfehler verwendet.


== Wichtige Punkte zur Vektortabelle ==
    // 2. Aktuelles EL, Stackpointer ist SP_ELx (Kernel-Mode, EL1h) -> DAS NUTZEN WIR!
* Ausrichtung: Die Vektortabelle muss auf eine bestimmte Weise ausgerichtet sein, typischerweise 2^11 Byte (2048 Byte, align 11), um den Anforderungen des ARM-Prozessors zu entsprechen. Jeder Sprungbefehl muss mit align 7 (128 Bytes) ausgerichtet sein.
    .align 7
* Reihenfolge: Die Reihenfolge der Einträge ist fix und muss den Spezifikationen entsprechend sein. Jeder Vektor muss die korrekte Entsprechung der Ausnahme-Adressen haben.
    b SynchError2              // Synchronous Exception (z.B. svc #0, Memory Abort)
* Handlers: Jeder Eintrag in der Vektortabelle verweist auf einen spezifischen Handler für jede Art von Ausnahme.
    .align 7
    b GenericIRQHandler        // Normaler Hardware-Interrupt (IRQ)
    .align 7
    b FastInterruptHandler    // FIQ
    .align 7
    b SErrorStub2              // System Error


= Was ist zu beachten bei Interrupts =
    // 3. Niedrigeres EL (EL0), 64-Bit (Auch hier leiten wir auf unsere Handler um)
    .align 7
    b SynchError1
    .align 7
    b GenericIRQHandler
    // ... (weitere Einträge siehe vector.S)
</syntaxhighlight>


Um zu verhindern, dass während der Bearbeitung einer Ausnahme (Interrupt Handling) eine weitere Ausnahme auftritt und zu unerwünschten Zuständen führt, gibt es mehrere Mechanismen, die verwendet werden können. Diese Mechanismen beinhalten das Maskieren von Interrupts, das Setzen von Flags und das Sicherstellen einer richtigen Reihenfolge und Priorität von Ausnahmebehandlungen.
🛠️ '''Debugging-Hinweis:''' Die ''SynchError''-Handler sind extrem wertvoll. Wenn dein Programm unerwartet in `SynchError2` landet, weißt du: Ein Befehl in EL1 war ungültig oder hat einen Fehler verursacht. Wir werden das gleich gezielt provozieren, um zu prüfen, ob die Tabelle funktioniert.


== Mechanismen zur Verhinderung von Ausnahmen während der Ausnahmebehandlung ==
== Der Blindtest: `svc #0` (Supervisor Call) ==


* Maskieren von Interrupts:
Bevor wir uns mit komplexer Hardware (wie dem GIC-Interrupt-Controller) herumschlagen, müssen wir sicherstellen, dass unser Exception-Mechanismus grundlegend funktioniert.


Beim Eintritt in einen Ausnahme-Handler kannst du alle weiteren Interrupts maskieren. Dies bedeutet, dass andere Interrupts so lange blockiert werden, bis der aktuelle Handler vollständig abgeschlossen ist.
Der Befehl ''svc #0'' (Supervisor Call) löst absichtlich eine '''synchrone Exception''' aus. Da wir uns in EL1 befinden, sollte die CPU in den Eintrag ''SynchError2'' unserer Vektortabelle springen.
FIQs haben eine höhere Priorität als IRQs und sind daher für zeitkritischere Operationen gedacht. Während ein IRQ behandelt wird, können FIQs dennoch ausgelöst werden, es sei denn, sie werden explizit maskiert.
Die ARM-Architektur stellt dafür spezielle Register (DAIF, CPSR) zur Verfügung, mit denen Interrupts individuell oder global maskiert werden können.


* DAIF-Register:
Füge diesen Test vorübergehend in deine `main.c` ein, *bevor* du `printf` oder andere Initialisierungen machst:


Das DAIF-Register enthält Flags, um Debug-, SError-, IRQ- und FIQ-Interrupts zu maskieren.
<syntaxhighlight lang="C">
Um alle Interrupts zu maskieren, wird das DAIF-Register mit den entsprechenden Bits gesetzt.
// In main.c
#include "printf.h"
#include "sync.h" // Für Stop()


== Bei der Ausführung des Handlers ==
int main(void)
Da eine Ausnahme zu jeder Zeit geschehen kann, wird das laufende Programm unterbrochen. Die Register, die für das Ausführen des Programms verwendet werden, werden auch in der Ausnahme verwendet. Dies kann zu Problemen kommen, wenn der Code an der Ursprünglichen Adresse wieder ausgeführt wird. Aus diesem Grund ist es wichtig, wenn es um eine absichtliche Ausnahme geht, die Register zu sichern, bevor die Ausführung des entsprechenden Codes für die Ausnahme abläuft. Aus diesem Grund, werden sämtliche Register auf den Stack abgelegt. Da wir auch Gleitkomma erlauben, müssen auch diese Register entsprechend abgelegt werden. Bei erfolgreichen Abarbeiten der Ausnahme, werden diese Register wieder aus dem Stack gefüllt und das Programm kann seinen Dienst fortführen.
{
    // --- BLINDTEST FÜR EXCEPTIONS ---
    printf("Starte Exception-Blindtest...\n");
   
    // Dieser Befehl löst absichtlich eine synchrone Exception aus.
    // Die CPU sollte in vector.S -> SynchError2 -> ExceptionHandler springen.
    asm volatile("svc #0");
   
    // Diese Zeile sollte NICHT erreicht werden!
    printf("FEHLER: svc #0 wurde nicht abgefangen!\n");
    Stop();
    // ----------------------------------


Während des ausführen einer Ausnahme sollte es dem System unterbunden werden, dass während der Bearbeitung weitere Ausnahmen entstehen. Dies kann zu einem katastrophalen System führen, welches nicht mehr händelbar ist. Hier kann durch das maskieren des DAIF-Registers das weitere auslösen von Ausnahmen verhindert werden. Siehe dazu auch den vorigen Absatz.
    // ... Rest deiner Initialisierung (Interrupt_Initialize, Timer, etc.) ...
}
</syntaxhighlight>


**Erwartetes Ergebnis:**
Auf dem Bildschirm sollte erscheinen:
`Starte Exception-Blindtest...`
`Error: Exception 'SynchError2' ausgelöst`
Und das Programm bleibt stehen (dank `Stop()` im `ExceptionHandler`).


Hier Beispielhaft für einen "normalen" Interrupt:
**Wenn das funktioniert, hast du den schwersten Teil bereits geschafft:** Der Wechsel nach EL1, das Setzen von `vbar_el1` und die korrekte Ausrichtung der Vektortabelle sind verifiziert! Du kannst den `svc #0`-Test danach wieder entfernen.
<syntaxhighlight lang="asm">
.align 11
.globl VectorTable
VectorTable:
// Vektoren für EL1t (Current Exception Level SP_el0)
    ...
    b irq_handler_el1t        // IRQ - Normal Interrupt
    ...
// Vektoren für EL1h (Current Exception Level SP_el1)
    ...
    b irq_handler_el1h        // IRQ - Normal Interrupt
    ...
// Vektoren für EL0 64-bit Modus
    ...
// Vektoren für EL0 32-bit Modus
    ...


...
## 7. Der IRQ-Handler: Den Zustand retten und wiederherstellen
irq_handler_el1t:
irq_handler_el1h:
stp x29, x30, [sp, #-16]! // save x29, x30 onto stack


mrs x29, elr_el1 // save elr_el1, spsr_el1 onto stack
Wenn ein echter Hardware-Interrupt (z. B. vom Timer) kommt, springt die CPU zu `GenericIRQHandler`. Da der Interrupt *jederzeit* passieren kann, weiß der Handler nicht, welche Register gerade benutzt wurden.
mrs x30, spsr_el1
stp x29, x30, [sp, #-16]!
msr DAIFClr, #1 // enable FIQ


stp q30, q31, [sp, #-32]! // save q0-q31 onto stack
Die goldene Regel lautet: **Rette alles, was du veränderst, und stelle es exakt so wieder her.**
stp q28, q29, [sp, #-32]!
stp q26, q27, [sp, #-32]!
stp q24, q25, [sp, #-32]!
stp q22, q23, [sp, #-32]!
stp q20, q21, [sp, #-32]!
stp q18, q19, [sp, #-32]!
stp q16, q17, [sp, #-32]!
stp q14, q15, [sp, #-32]!
stp q12, q13, [sp, #-32]!
stp q10, q11, [sp, #-32]!
stp q8, q9, [sp, #-32]!
stp q6, q7, [sp, #-32]!
stp q4, q5, [sp, #-32]!
stp q2, q3, [sp, #-32]!
stp q0, q1, [sp, #-32]!


stp x27, x28, [sp, #-16]! // save x0-x28 onto stack
<syntaxhighlight lang="asm">
stp x25, x26, [sp, #-16]!
// In vector.S (vereinfachte Darstellung des GenericIRQHandler)
stp x23, x24, [sp, #-16]!
.globl GenericIRQHandler
stp x21, x22, [sp, #-16]!
GenericIRQHandler:
stp x19, x20, [sp, #-16]!
    // 1. Frame-Pointer und Link-Register retten
stp x17, x18, [sp, #-16]!
    stp x29, x30, [sp, #-16]!
stp x15, x16, [sp, #-16]!
   
stp x13, x14, [sp, #-16]!
    // 2. Rücksprungadresse (elr_el1) und Status (spsr_el1) retten
stp x11, x12, [sp, #-16]!
    mrs x29, elr_el1
stp x9, x10, [sp, #-16]!
    mrs x30, spsr_el1
stp x7, x8, [sp, #-16]!
    stp x29, x30, [sp, #-16]!
stp x5, x6, [sp, #-16]!
   
stp x3, x4, [sp, #-16]!
    // 3. FIQs erlauben (falls sie gesperrt waren), IRQs bleiben durch Eintritt automatisch gesperrt
stp x1, x2, [sp, #-16]!
    msr DAIFClr, #1
str x0, [sp, #-16]!
   
    // 4. ALLE General Purpose Register (x0-x28) auf den Stack sichern
    stp x27, x28, [sp, #-16]!
    // ... (weitere stp Befehle bis x0) ...
    str x0, [sp, #-16]!
   
    // 5. ALLE NEON/FP-Register (q0-q31) sichern (wichtig für C-Code mit Floats!)
    stp q30, q31, [sp, #-32]!
    // ... (weitere stp Befehle bis q0) ...
   
    // 6. Jetzt ist der Stack sauber. Wir können sicher C-Code aufrufen!
    bl InterruptHandler
   
    // 7. Epilog: Alles in EXAKT umgekehrter Reihenfolge wiederherstellen!
    ldp q0, q1, [sp], #32
    // ... (bis q30, q31)
   
    ldr x0, [sp], #16
    ldp x1, x2, [sp], #16
    // ... (bis x27, x28)
   
    ldp x29, x30, [sp], #16
    msr elr_el1, x29
    msr spsr_el1, x30
   
    ldp x29, x30, [sp], #16
   
    // 8. Zurück zum unterbrochenen Code
    eret
</syntaxhighlight>


ldr x0, =IRQReturnAddress // store return address for profiling
## 8. Zusammenfassung
str x29, [x0]


bl InterruptHandler
1. **Nur ein Kern:** Wir schicken Core 1-3 in den Schlaf (`WFE`), um Chaos zu vermeiden.
2. **EL1 ist Pflicht:** Wir wechseln von EL2 nach EL1, um Kernel-Rechte zu haben.
3. **Vektortabelle:** Sie muss auf 2 KB ausgerichtet sein und zeigt der CPU den Weg zu den Handlern.
4. **Blindtest:** Ein `svc #0` ist der perfekte, sichere Weg, um zu prüfen, ob Exceptions korrekt abgefangen werden, bevor man Hardware-IRQs konfiguriert.
5. **State Saving:** Der Assembly-Handler muss *jedes* Register sichern, bevor er C-Code (`InterruptHandler`) aufruft, und es danach exakt wiederherstellen.


ldr x0, [sp], #16 // restore x0-x28 from stack
## Ausblick
ldp x1, x2, [sp], #16
ldp x3, x4, [sp], #16
ldp x5, x6, [sp], #16
ldp x7, x8, [sp], #16
ldp x9, x10, [sp], #16
ldp x11, x12, [sp], #16
ldp x13, x14, [sp], #16
ldp x15, x16, [sp], #16
ldp x17, x18, [sp], #16
ldp x19, x20, [sp], #16
ldp x21, x22, [sp], #16
ldp x23, x24, [sp], #16
ldp x25, x26, [sp], #16
ldp x27, x28, [sp], #16


ldp q0, q1, [sp], #32 // restore q0-q31 from stack
Nun, da das Fundament steht und wir wissen, dass unsere Exception-Tabelle funktioniert, können wir uns im nächsten Kapitel dem **Generic Interrupt Controller (GIC-400)** und dem **System Timer** widmen. Dort werden wir lernen, wie wir einen echten Hardware-Interrupt (IRQ 27) aktivieren, um unseren ersten periodischen "Rotor" auf dem Bildschirm zu animieren!
ldp q2, q3, [sp], #32
ldp q4, q5, [sp], #32
ldp q6, q7, [sp], #32
ldp q8, q9, [sp], #32
ldp q10, q11, [sp], #32
ldp q12, q13, [sp], #32
ldp q14, q15, [sp], #32
ldp q16, q17, [sp], #32
ldp q18, q19, [sp], #32
ldp q20, q21, [sp], #32
ldp q22, q23, [sp], #32
ldp q24, q25, [sp], #32
ldp q26, q27, [sp], #32
ldp q28, q29, [sp], #32
ldp q30, q31, [sp], #32


msr DAIFSet, #1 // disable FIQ
{| style="width: 100%;
ldp x29, x30, [sp], #16 // restore elr_el1, spsr_el1 from stack
| style="width: 33%;" | [[Systeminformationen (PI4)|< Zurück (Systeminformationen)]]
msr elr_el1, x29
| style="width: 33%; text-align:center;" | [[Hauptseite|< Hauptseite >]]
msr spsr_el1, x30
| style="width: 33%; text-align:right;" | [[Beispiel Timer-Interrupt (PI4)|Weiter (Beispiel Timer-Interrupt) >]]
 
|}
ldp x29, x30, [sp], #16 // restore x29, x30 from stack
 
eret
...
</syntaxhighlight>

Aktuelle Version vom 22. Juli 2026, 11:50 Uhr

Wichtig! Durch die Entwicklung zur USB-Unterstützung wurde einige Funktionen, die wir bisher genutzt haben, überarbeitet. Diese "neuen" Funktionen sind ab hier eingebaut. Darunter zählt zum Beispiel die printf-Funktion, die hier komplett überarbeitet ist. Zusätzlich wurden einige Screen-Funktionen überarbeitet.

Interrupts und Exceptions auf dem Raspberry Pi 4 (Bare Metal)

Interrupts (Unterbrechungen) und Exceptions (Ausnahmen) sind das Nervensystem jedes Betriebssystems. Sie sorgen dafür, dass der Prozessor nicht blind Code abarbeitet, sondern auf Ereignisse reagieren kann – sei es, dass ein Timer abläuft, eine Taste gedrückt wird oder ein schwerwiegender Programmierfehler auftritt.

In diesem Kapitel lernst du, wie die Ausnahmebehandlung im ARMv8 (AArch64) funktioniert, wie wir die Vektortabelle einrichten und wie wir mit einem einfachen "Blindtest" sicherstellen, dass unser System bereit für echte Hardware-Interrupts ist.

Exceptions vs. Interrupts: Was ist der Unterschied?

Obwohl die Begriffe oft synonym verwendet werden, gibt es einen feinen, aber wichtigen Unterschied:

  • Exceptions (Synchron): Treten direkt durch die Ausführung eines Befehls auf. Beispiele: Ein ungültiger Speicherzugriff, eine Division durch Null oder ein bewusster Systemaufruf (wie `svc #0`). Der Prozessor weiß genau, welcher Befehl die Ausnahme ausgelöst hat.
  • Interrupts (Asynchron): Treten unabhängig vom aktuellen Befehl auf, ausgelöst durch externe Hardware. Beispiele: Der System-Timer, eine USB-Maus oder ein GPIO-Pin.

Tipp für die OS-Entwicklung: Synchronous Exceptions (wie unsere `SynchError`-Handler) sind deine besten Freunde beim Debuggen! Wenn dein Code versehentlich in einen `SynchError`-Handler springt, weißt du sofort: Hier ist ein schwerer Fehler (z. B. Sprung an eine ungültige Adresse oder falscher Befehl). Wir werden das gleich gezielt ausnutzen.

Die Spielregeln: Exception Levels (EL) und DAIF

Der ARM Cortex-A72 kennt verschiedene Privilegienstufen, die Exception Levels (EL):

  • EL0: User-Mode (Anwendungen, wenig Rechte)
  • EL1: Kernel-Mode (Unser Bare-Metal-Code, volle Hardware-Kontrolle)
  • EL2: Hypervisor (Virtualisierung, wird vom Bootloader kurz genutzt)
  • EL3: Secure Monitor (Highest Privilege, z. B. ARM Trusted Firmware)

Wichtig: Um Interrupts korrekt zu verarbeiten, müssen wir uns in EL1 befinden. Da der Raspberry Pi 4 oft in EL2 startet, ist unser erster Schritt der Wechsel nach EL1.

Zudem kontrolliert das DAIF-Register, welche Interrupts gerade erlaubt sind:

  • D (Debug): Debug-Exceptions sperren
  • A (SError): Asynchrone Systemfehler sperren
  • I (IRQ): Normale Interrupts sperren
  • F (FIQ): Schnelle Interrupts (Fast IRQs) sperren

Ist ein Bit auf `1` gesetzt, ist der Interrupt gesperrt. Um IRQs zu erlauben, müssen wir das I-Bit auf `0` setzen (clear).

Vorbereitung: Nur ein Kern darf laufen

Der Pi 4 hat 4 Kerne. Beim Start führen alle denselben Code aus. Würden alle versuchen, Interrupts zu bearbeiten oder den Stack zu nutzen, würde das System sofort abstürzen. Wir lassen nur Core 0 arbeiten und schicken die anderen in einen energiesparenden Schlafmodus (`WFE` = Wait For Event).

// In boot.S
_start:
    mrs x1, mpidr_el1    // Core-ID lesen
    and x1, x1, #3       // Nur die unteren 2 Bits (0-3) behalten
    cbz x1, core0        // Wenn Core 0, weiter zum Setup

core_sleep:
    wfe                  // Warte auf ein Event (Sleep)
    b core_sleep         // Endlosschleife für Core 1-3

core0:
    // Ab hier läuft nur noch Core 0

Der Wechsel von EL2 nach EL1

Da wir ein Kernel schreiben, gehört unser Platz in EL1. Der folgende Code konfiguriert EL1, setzt den Stackpointer und bereitet den Rücksprung vor.

    // 1. Prüfen, ob wir schon in EL1 sind (CurrentEL = 8 für EL1)
    mrs x0, CurrentEL
    cmp x0, #8
    beq switch_to_el1

    // 2. EL1 Stackpointer setzen
    ldr x0, =EXCEPTION_STACK
    msr sp_el1, x0

    // 3. Vektortabelle für EL2 setzen (für den Fall, dass während des Wechsels was passiert)
    ldr x0, =VectorTable
    msr vbar_el2, x0

    // ... (Hier folgen Timer- und Virtualisierungs-Einstellungen, siehe boot.S) ...

    // 4. Rücksprung-Adresse und Status für EL1 vorbereiten
    mov x0, #0x3c4             // SPSR_EL2: EL1h, Interrupts (DAIF) sind hier noch maskiert
    msr spsr_el2, x0
    adr x0, el1_return         // Adresse, zu der wir nach dem Wechsel springen
    msr elr_el2, x0

    eret                       // Exception Return: Wechselt nach EL1 zu 'el1_return'

el1_return:
switch_to_el1:
    // Wir sind jetzt in EL1!
    ldr x0, =VectorTable
    msr vbar_el1, x0           // Vektortabelle für EL1 aktivieren

    // BSS-Segment (uninitialisierte Variablen) mit Nullen füllen
    ldr x1, =__bss_start
    ldr w2, =__bss_size
clean_bss_loop:
    cbz w2, bss_clean_done
    str xzr, [x1], #8
    sub w2, w2, #1
    cbnz w2, clean_bss_loop
bss_clean_done:

    b main                     // Ab ins C-Hauptprogramm!

Die Exception Vector Table (VBT)

Die VBT ist das "Telefonbuch" des Prozessors. Bei einer Ausnahme schaut die CPU in dieses Register (`vbar_el1`) und springt zu der dort hinterlegten Adresse.

Die Tabelle muss exakt 2048 Byte (2 KB) groß sein (.align 11). Sie ist in 16 Einträge unterteilt (4 Ausnahmetypen × 4 Ausführungsstatus). Jeder Eintrag muss exakt 128 Byte (.align 7) voneinander entfernt sein.

// In vector.S
.align 11                      // 2^11 = 2048 Byte Ausrichtung für die ganze Tabelle
.globl VectorTable
VectorTable:
    // 1. Aktuelles EL, Stackpointer ist SP_EL0 (User-Mode, nutzen wir nicht)
    .align 7
    b SynchError1
    .align 7
    b GenericIRQHandler
    .align 7
    b FastInterruptHandler
    .align 7
    b SErrorStub1

    // 2. Aktuelles EL, Stackpointer ist SP_ELx (Kernel-Mode, EL1h) -> DAS NUTZEN WIR!
    .align 7
    b SynchError2              // Synchronous Exception (z.B. svc #0, Memory Abort)
    .align 7
    b GenericIRQHandler        // Normaler Hardware-Interrupt (IRQ)
    .align 7
    b FastInterruptHandler     // FIQ
    .align 7
    b SErrorStub2              // System Error

    // 3. Niedrigeres EL (EL0), 64-Bit (Auch hier leiten wir auf unsere Handler um)
    .align 7
    b SynchError1
    .align 7
    b GenericIRQHandler
    // ... (weitere Einträge siehe vector.S)

🛠️ Debugging-Hinweis: Die SynchError-Handler sind extrem wertvoll. Wenn dein Programm unerwartet in `SynchError2` landet, weißt du: Ein Befehl in EL1 war ungültig oder hat einen Fehler verursacht. Wir werden das gleich gezielt provozieren, um zu prüfen, ob die Tabelle funktioniert.

Der Blindtest: `svc #0` (Supervisor Call)

Bevor wir uns mit komplexer Hardware (wie dem GIC-Interrupt-Controller) herumschlagen, müssen wir sicherstellen, dass unser Exception-Mechanismus grundlegend funktioniert.

Der Befehl svc #0 (Supervisor Call) löst absichtlich eine synchrone Exception aus. Da wir uns in EL1 befinden, sollte die CPU in den Eintrag SynchError2 unserer Vektortabelle springen.

Füge diesen Test vorübergehend in deine `main.c` ein, *bevor* du `printf` oder andere Initialisierungen machst:

// In main.c
#include "printf.h"
#include "sync.h" // Für Stop()

int main(void)
{
    // --- BLINDTEST FÜR EXCEPTIONS ---
    printf("Starte Exception-Blindtest...\n");
    
    // Dieser Befehl löst absichtlich eine synchrone Exception aus.
    // Die CPU sollte in vector.S -> SynchError2 -> ExceptionHandler springen.
    asm volatile("svc #0"); 
    
    // Diese Zeile sollte NICHT erreicht werden!
    printf("FEHLER: svc #0 wurde nicht abgefangen!\n");
    Stop();
    // ----------------------------------

    // ... Rest deiner Initialisierung (Interrupt_Initialize, Timer, etc.) ...
}
    • Erwartetes Ergebnis:**

Auf dem Bildschirm sollte erscheinen: `Starte Exception-Blindtest...` `Error: Exception 'SynchError2' ausgelöst` Und das Programm bleibt stehen (dank `Stop()` im `ExceptionHandler`).

    • Wenn das funktioniert, hast du den schwersten Teil bereits geschafft:** Der Wechsel nach EL1, das Setzen von `vbar_el1` und die korrekte Ausrichtung der Vektortabelle sind verifiziert! Du kannst den `svc #0`-Test danach wieder entfernen.
    1. 7. Der IRQ-Handler: Den Zustand retten und wiederherstellen

Wenn ein echter Hardware-Interrupt (z. B. vom Timer) kommt, springt die CPU zu `GenericIRQHandler`. Da der Interrupt *jederzeit* passieren kann, weiß der Handler nicht, welche Register gerade benutzt wurden.

Die goldene Regel lautet: **Rette alles, was du veränderst, und stelle es exakt so wieder her.**

// In vector.S (vereinfachte Darstellung des GenericIRQHandler)
.globl GenericIRQHandler
GenericIRQHandler:
    // 1. Frame-Pointer und Link-Register retten
    stp x29, x30, [sp, #-16]!
    
    // 2. Rücksprungadresse (elr_el1) und Status (spsr_el1) retten
    mrs x29, elr_el1
    mrs x30, spsr_el1
    stp x29, x30, [sp, #-16]!
    
    // 3. FIQs erlauben (falls sie gesperrt waren), IRQs bleiben durch Eintritt automatisch gesperrt
    msr DAIFClr, #1
    
    // 4. ALLE General Purpose Register (x0-x28) auf den Stack sichern
    stp x27, x28, [sp, #-16]!
    // ... (weitere stp Befehle bis x0) ...
    str x0, [sp, #-16]!
    
    // 5. ALLE NEON/FP-Register (q0-q31) sichern (wichtig für C-Code mit Floats!)
    stp q30, q31, [sp, #-32]!
    // ... (weitere stp Befehle bis q0) ...
    
    // 6. Jetzt ist der Stack sauber. Wir können sicher C-Code aufrufen!
    bl InterruptHandler
    
    // 7. Epilog: Alles in EXAKT umgekehrter Reihenfolge wiederherstellen!
    ldp q0, q1, [sp], #32
    // ... (bis q30, q31)
    
    ldr x0, [sp], #16
    ldp x1, x2, [sp], #16
    // ... (bis x27, x28)
    
    ldp x29, x30, [sp], #16
    msr elr_el1, x29
    msr spsr_el1, x30
    
    ldp x29, x30, [sp], #16
    
    // 8. Zurück zum unterbrochenen Code
    eret
    1. 8. Zusammenfassung

1. **Nur ein Kern:** Wir schicken Core 1-3 in den Schlaf (`WFE`), um Chaos zu vermeiden. 2. **EL1 ist Pflicht:** Wir wechseln von EL2 nach EL1, um Kernel-Rechte zu haben. 3. **Vektortabelle:** Sie muss auf 2 KB ausgerichtet sein und zeigt der CPU den Weg zu den Handlern. 4. **Blindtest:** Ein `svc #0` ist der perfekte, sichere Weg, um zu prüfen, ob Exceptions korrekt abgefangen werden, bevor man Hardware-IRQs konfiguriert. 5. **State Saving:** Der Assembly-Handler muss *jedes* Register sichern, bevor er C-Code (`InterruptHandler`) aufruft, und es danach exakt wiederherstellen.

    1. Ausblick

Nun, da das Fundament steht und wir wissen, dass unsere Exception-Tabelle funktioniert, können wir uns im nächsten Kapitel dem **Generic Interrupt Controller (GIC-400)** und dem **System Timer** widmen. Dort werden wir lernen, wie wir einen echten Hardware-Interrupt (IRQ 27) aktivieren, um unseren ersten periodischen "Rotor" auf dem Bildschirm zu animieren!

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